Marwan Abado solo



Und wieder eine Solo-CD. Zwischen meiner ersten Solo-CD „Sohn des Südens“ (1999) und diesem neuen Werk liegen mehrere Musikprojekte und CDs mit verschiedenen Musikern. Jetzt, im Zeitalter von Informationsrausch und einer digitalen Musikwelt, in der vieles beliebig und jederzeit abrufbar geworden ist, ziehe ich mich zurück und umarme mein Instrument, um damit eine bescheidene Erzählung zu pflegen. Dafür suchte ich ein Studio mit intimer Atmosphäre und fand es in der Nähe von Salzburg bei meinem Musikerkollegen Bernie Rothauer.

Und ich war auf der Suche nach einem Titel für diese Solo-CD, der sowohl arabisch als auch deutsch sprechende Personen ein wenig irritieren sollte – nicht in böser Absicht, sondern vielmehr um Neugier zu erwecken. „Rauschana“ ist eine kleine Terrasse, von der aus Licht ins Haus fällt oder wo Getränke aufbewahrt werden. Diese Art von Terrassen war in der Architektur der Mameluken berühmt. Man könnte sie als eine Lustterrasse betrachten, da die Mameluken für ihren heiteren Lebensstil bekannt waren. Das Wort beinhaltet auch das aus dem Mittelalter stammende deutsche Wort „Rausch“. Das übersteigerte Glücksgefühl der Ekstase ist hier zu Hause.
Mit dem Wort verbinde ich auch eine persönliche Erinnerung: In Beirut lebte ich zwischen 1975 und 1985 in einer Ortschaft namens „Rouche“. Die Wurzel dieses Namens stammt aus dem Französischen und bezeichnet einen Felsen mitten im Meer vor dieser Ortschaft. Diese Ortschaft war und ist unter den Beirutern immer noch beliebt für Spaziergänge auf der Promenade. Auf Arabisch klingt das Wort wie „Rausche“, was wiederum an Rauschana erinnert. Diese Ortschaft war meine Lustterrasse mit Blick auf das Mittelmeer. Mit dem diesem Blick und der Neugier habe ich mein Instrument umarmt und Instrumentalnummern gespielt, die ähnlich einer westlichen „Suite“ klingen. Dennoch ist sie keine „Suite“, denn dieser fehlt der Hauch der orientalischen Terrasse.
Die Gesangsnummern haben eine poetische Struktur, der die Musik als Trägerin dient. Zwei Lieder werden für westliche Ohren und trotz Übersetzung etwas fern bleiben: etwa das Bild des Pferdes als Metapher für das palästinensische Volk, das für seine Freiheit kämpft und das ich aus der Diaspora-Perspektive beschreibe. Aus meiner Zurückgezogenheit versuche ich die Geschichte des palästinensischen Widerstands zu erzählen – als Gegenerzählung zur Vereinnahmung und Monopolisierung des Widerstandes durch verschiedene Kräfte und Gruppierungen. Die Geschichte des palästinensischen Widerstandes gehört allen Palästinensern und Palästinenserinnen. In dem Lied „Sharq Almutawaset“ wiederum verwende ich rhetorische Symbole der altarabischen Dichtung – als ironischen Kommentar gegenüber einer arabischen Kultur, die sich in letzter Zeit sehr auf die rhetorische Agitation stützt.
Neue Hoffnung entstand durch den arabischen Frühling, dem ich das letzte Lied auf dieser CD gewidmet habe. Das Lied endet mit der Strophe:

„.noch gibt es den Gefährten
der sein Versprechen hält
und der Weg wird immer schöner
und die Erzählungen unterwegs
werden immer mehr“

Ich hoffe, dass ich Ihre Neugier oder Ihre Lustblicke nicht verstört habe. Denn am Ende bleibt einzig die Musik als meine Form der persönlichen, lustvollen, nächtlichen Erzählung.

marwan abado

marwan