RAHEB, Viola / ABADO,
Marwan
Zeit der Feigen
Die arabische Küche von Bethlehem bis Damaskus mit farbigen
Illustrationen.
Dein Gesicht
wie Brot
Wenn zwei palästinensische
Wiener ein Kochbuch schreiben, dann geht es nicht nur um
Rezepte,
berichtet Gudrun Harrer
Arabische
Kochbücher gibt es wie Kardamom-Körndeln im Beduinenkaffee, will sagen, sie sind nicht gerade Mangelware.
Wenn jedoch zwei waschechte Wiener (Hallo, Ha-Zeh!) schon einmal
ein arabisches Kochbuch schreiben, so muss das hier ordentlich
zelebriert werden. Dem Dramatis personae (oder wie das bei
Kochbüchern heißt)
entnehme ich nämlich, dass Marwan Abado, der Sänger,
Oud-Spieler und Komponist
länger
in Wien ansässig
ist als meinereins, nämlich seit 1985. Von Viola Raheb, der Theologin und Publizistin, steht
das Ankunftsjahr nicht drinnen, sie hat noch einen Umweg über die
Uni Heidelberg gemacht. Beide kommen aus einem Land, das es nicht
gibt, aus Palästina.
Viola Raheb ist in Bethlehem geboren und aufgewachsen, Marwan
Abado ist als Flüchtlingskind in Beirut zur Welt gekommen, seine
Leute stammen aus dem maronitisch-christlichen Kufr Birem im
Norden Galiläas,
von dem heute nur mehr Ruinen stehen. Auf dem Speisezettel im
Flüchtlingslager standen "Linsen und wieder Linsen" und
"Weizenschrot und wieder Weizenschrot". Aber Sonntag war ein
"heiliger Fleischtag", und da gab es unter anderem ein Gericht,
nach dem sich jeder sehnt, der es je gegessen hat, und das bei den
Abados "Fraake" heißt
und so geht: Rohes Ziegen- und Kalbfleisch (bei Lamm wird auch
niemand schimpfen) wird im Mörser ganz fein gestampft (was eine sauberere Sache ist als mit dem
Cutter, denn nur so erwischt man alle Sehnen), dann mit der
Kibbeh-Würzung vermischt (Piment, Pfeffer, Zimt, Koriander,
Kreuzkümmel, Muskatnuss, Nelkenpulver, Rosenblätter, Chili), in fingergroße
Stücke geformt und in gequollenem Weizenschrot gerollt.
Zeit der Feigen
Aber eigentlich
wollen wir hier gar keine Rezepte abschreiben, es geht in diesem
Buch nicht nur darum. Seinen Namen Zeit der Feigen nimmt es von
seiner Einteilung nach dem "Kochen im Zyklus der Jahreszeiten",
was einer bäuerlichen
Gesellschaft entspricht, die das aß, was das Land gerade bot. Klarerweise handelt es sich dadurch um ein
gemüsebetontes Essen: Sich vegetarisch zu ernähren
wäre
in dieser Küche kein Problem, wenngleich, wie Viola Raheb erzählt,
Essen ohne Fleisch bei einer ordentlichen Einladung sozusagen
nicht "gilt". Das muss sie feststellen, wenn sie nach Hause auf
Besuch fährt
und sich von der Verwandtschaft etwas Vegetarisches wünscht. Dann
muss sie gleich noch ein zweites Mal bei Tantchen antanzen. Man
sieht es Viola
erstens nicht
an, zweitens würde man sie da schon gerne vertreten. Außer
den Frühling-Sommer-Herbst-Winter-Abteilungen und den dazugehörigen
Speisen- und Menüvorschlägen gibt es noch Kapitel über einzelne Nahrungsmittel (etwa über die
Olive), die Soziologie des Essens und Bewirtens in der Region oder
auch Sprachliches - inklusive dem Eingeständnis, dass arabische Sprichwörter
auf Deutsch oft einfach nicht funktionieren, und das nicht nur,
weil sie auch vom phonetischen Witz leben, wie "Zähle die Eier in die Pfanne, aber nie die Schwangerschaftsmonate einer
Frau". Das - übrigens verheiratete - Autorenduo, das es bestimmt
weiß,
offeriert uns die Interpretation, dass sich das Sprichwort auf die
Unvorhersagbarkeit des Entbindungstermins bezieht. Also leider
nichts Schlüpfriges. Rasend erotisch klingt auch das Loblied auf
die Schönheit
der Braut nicht: "Oh, du Gurke, oh, du Gurke, dein Gesicht ist wie
selbstgemachtes Brot!" Aber es ist ein schönes und einleuchtendes Bild: Die schlanke Gestalt der jungen Frau, dazu
ein freundliches rundes Gesicht, gut wie Brot (und unser "dummes"
Brot bitte ich höflichst
zu vergessen). Und so ziehen die Reminiszenzen durch dieses Buch,
manchmal wehmütig, aber ohne weinerlich oder kitschig zu sein.
Über die politische Bezeichnung der Region schwindeln sich die beiden
mit "Bilad al-Sham" hinweg, dem alten Begriff für die Levante, es
geht hier nun einmal um das arabische Essen in der Region. Nicht
nur von den Rezepten, auch aus den Erzählungen
her zu schließen,
scheinen beide, Viola und Marwan, großartige
Köche
zu sein. Wiener Hinterhofhammel (eigentlich schon lange nichts
mehr gehört
davon, wo ist er denn?) kommt nicht vor, dafür jedoch etwa Mansaf,
das mit Zwiebel, Lorbeer und Zimt gekochte Lammfleisch mit Joghurt
und Reis, mit Mandeln und Pinienkernen bestreut, wie im
Schlaraffenland.
Erschienen in (Der Standard/rondo/22/05/2009)